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Kapitel 17 – Augen- und HNO-Notfälle | Ausbildungsplattform

Kapitel 17 – Augen- und HNO-Notfälle

Ausbildungsplattform (Tier-Notruf)

1. Bulbusprolaps (Augennotfall, Feuchthalten, Schutz, Transport)

Bulbusprolaps
Abbildung 1: Bulbusprolaps – Feuchthalten und Schutz vor Druck/Reiben; schnellstmögliche Klinikversorgung.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Beim Bulbusprolaps das Auge konsequent feucht halten, vor Reiben und Druck schützen und ohne Repositionsversuche in eine chirurgisch ausgestattete Klinik transportieren

1) Sofortmaßnahmen

  • Tier beruhigen
  • Reiben verhindern
  • sterile NaCl-Lösung oder Augengel nutzen
  • Auge kontinuierlich feucht halten

2) Schutz des Auges

  • lockere sterile Abdeckung
  • kein Druckverband
  • kein Zurückdrücken
  • Schutzkragen erwägen

3) Gesamtlage prüfen

  • ABCDE anwenden
  • Traumabegleitverletzungen beachten
  • Blutungen und Bewusstsein beurteilen
  • Atemweg priorisieren wenn nötig

4) Klinikvoranmeldung

  • Zeitpunkt des Traumas
  • Mechanismus
  • Feuchthalten erfolgt?
  • Schutzmaßnahmen und Schmerzstatus
Red Flags: Bulbus außerhalb der Lidspalte, starke Schmerzreaktion, Reibbewegungen, Austrocknungsgefahr, gleichzeitiges Kopf- oder Atemwegstrauma.
NICHT den Bulbus aktiv zurückdrücken, Druck auf das Auge ausüben oder unsterile Flüssigkeiten direkt auf exponiertes Gewebe bringen.

Der Bulbusprolaps stellt eine augenärztliche Hochdringlichkeit dar. Dabei ist der Augapfel aus der Augenhöhle nach vorne verlagert, sodass die Lidspalte den Bulbus nicht mehr vollständig bedecken kann. Dadurch verliert das Auge seinen natürlichen Schutz durch die Lider, was innerhalb kurzer Zeit zu Austrocknung, mechanischer Schädigung und Infektion führen kann. Besonders gefährdet sind brachycephale Hunderassen wie Mops, Französische Bulldogge oder Pekinese. Bei diesen Tieren sind die Augenhöhlen anatomisch flacher, und die Haltestrukturen der Lider sind vergleichsweise locker. Bereits relativ geringe Kräfte können daher eine Vorverlagerung des Augapfels auslösen.

Die häufigsten Ursachen eines Bulbusprolapses sind traumatische Ereignisse. Dazu gehören Hundekämpfe, Stürze, Verkehrsunfälle oder starke mechanische Einwirkungen auf Kopf und Gesicht. In manchen Fällen kann auch unsachgemäße Manipulation am Kopf oder am Halsbereich eines Tieres eine Rolle spielen. Präklinisch ist entscheidend zu verstehen, dass der Bulbusprolaps selten ein isoliertes Problem darstellt. Häufig liegen gleichzeitig weitere Verletzungen vor, etwa Schädeltraumata, Weichteilverletzungen oder Kreislaufprobleme. Deshalb muss die Versorgung immer im Rahmen eines strukturierten ABCDE-Schemas erfolgen.

Das primäre Ziel der präklinischen Versorgung besteht darin, das Auge vor weiteren Schäden zu schützen und die Zeit bis zur chirurgischen Behandlung möglichst kurz zu halten. Ein besonders häufiger Fehler ist das Reiben oder Drücken am Auge. Jeder mechanische Druck kann die empfindlichen Strukturen des Sehnervs oder der Augenmuskulatur zusätzlich schädigen. Außerdem besteht die Gefahr von Rupturen oder irreversiblen Durchblutungsstörungen. Daher gilt im Umgang mit einem Bulbusprolaps eine klare Grundregel: Das Auge wird nicht manipuliert und keinesfalls aktiv zurückgedrückt.

Die präklinische Maßnahme beginnt mit der Beruhigung und Sicherung des Patienten. Schmerzen und Stress führen häufig dazu, dass das Tier versucht, am Auge zu reiben oder sich zu kratzen. Dadurch können weitere Verletzungen entstehen. Wenn notwendig und sicher möglich, kann ein Maulkorb angelegt werden. Dabei ist jedoch darauf zu achten, dass das Tier nicht zusätzlich gestresst oder in seiner Atmung beeinträchtigt wird.

Ein entscheidender Schritt ist das kontinuierliche Feuchthalten des exponierten Auges. Die Hornhaut trocknet innerhalb kurzer Zeit aus, wenn sie nicht mehr durch die Lider geschützt wird. Deshalb werden sterile Kompressen, physiologische Kochsalzlösung oder sterile Augengleitmittel verwendet, um die Oberfläche feucht zu halten. Wichtig ist, dass dies nicht nur einmalig geschieht. Die Feuchtigkeit muss während der gesamten präklinischen Phase aufrechterhalten werden.

Zusätzlich wird ein mechanischer Schutz angelegt. In der Praxis erfolgt dies häufig durch eine lockere, sterile Augenabdeckung. Diese darf keinen Druck auf den Bulbus ausüben. Ziel ist lediglich, das Auge vor äußeren Einwirkungen zu schützen und das Tier daran zu hindern, selbst daran zu reiben. Ein Schutzkragen kann zusätzlich helfen, mechanische Selbstverletzungen zu verhindern.

Parallel zur lokalen Versorgung wird der allgemeine Zustand des Patienten überprüft. Da ein Bulbusprolaps häufig im Zusammenhang mit Traumata auftritt, müssen Vitalfunktionen beurteilt werden. Dazu gehören Atmung, Kreislaufstatus, Bewusstsein und mögliche Blutungen. Wenn lebensbedrohliche Begleitverletzungen vorliegen, haben diese Priorität vor der lokalen Augenversorgung.

Für die klinische Übergabe werden mehrere Beobachtungen dokumentiert. Dazu zählen die Pupillenreaktion, soweit sie beurteilt werden kann, sichtbare Verletzungen der Hornhaut, mögliche Blutungen im Augenbereich sowie das Vorhandensein von Fremdkörpern. Ebenso wichtig ist die Zeit seit dem Ereignis. Je länger das Auge ungeschützt exponiert ist, desto größer ist das Risiko für irreversible Schäden. Eine schnelle klinische Versorgung verbessert daher die Prognose erheblich.

Die Kommunikation mit der aufnehmenden Tierklinik erfolgt möglichst frühzeitig. Eine präzise Voranmeldung kann beispielsweise lauten: „Bulbusprolaps nach Trauma, Auge feucht gehalten, Schutzverband angelegt, Transport in etwa zehn Minuten.“ Durch diese Information kann sich das Klinikteam auf eine mögliche chirurgische Reposition oder weiterführende Diagnostik vorbereiten.

Augen- und HNO-Notfälle gelten generell als besonders zeitkritisch. Das Gewebe in diesen Bereichen reagiert sehr empfindlich auf Sauerstoffmangel, mechanische Belastung oder Infektion. Schon wenige Minuten können über den Erhalt des Sehvermögens oder die Funktion wichtiger Strukturen entscheiden. Deshalb steht in der präklinischen Ausbildung das Prinzip der Schadensbegrenzung im Vordergrund. Ziel ist nicht die definitive Behandlung, sondern die Stabilisierung und der sichere Transport zur fachärztlichen Versorgung.

Ein weiteres wichtiges Prinzip ist das konsequente Vermeiden iatrogener Schäden. Unsterile Manipulationen, unnötige Spülungen oder mechanischer Druck können die Situation verschlechtern. Deshalb werden einfache und sichere Maßnahmen bevorzugt. Dazu gehören Schutz des verletzten Bereichs, ausreichende Befeuchtung, Stressreduktion sowie eine ruhige und kontrollierte Fixation des Tieres.

Die klinische Einschätzung orientiert sich an wenigen, aber robusten Parametern. Dazu zählen Schmerzreaktionen wie Blepharospasmus oder Abwehrbewegungen, funktionelle Hinweise wie Orientierungsvermögen oder Sehverhalten, sowie das Ausmaß von Blutungen. Ebenso wichtig ist der zeitliche Verlauf. Eine rasche Verschlechterung innerhalb weniger Minuten kann auf schwerere strukturelle Schäden hinweisen.

Die strukturierte Übergabe an die Tierklinik folgt einem festen Schema. Neben dem Zeitpunkt des Ereignisses werden der vermutete Auslöser, mögliche vorherige Manipulationen durch den Halter sowie die aktuellen klinischen Befunde dokumentiert. Auch bereits durchgeführte Maßnahmen wie Feuchthalten des Auges, Schutzverband oder Kühlung werden übermittelt. Diese Informationen ermöglichen eine schnelle Einschätzung der Situation durch das Klinikteam.

Ein weiterer Bestandteil der präklinischen Versorgung ist die Kommunikation mit den Tierhaltern. Viele Besitzer reagieren aus Sorge und versuchen spontan zu helfen, etwa durch Reiben am Auge oder das Entfernen vermeintlicher Fremdkörper. Der Rettungssanitäter erklärt ruhig und verständlich, warum solche Handlungen gefährlich sein können. Stattdessen werden einfache und klare Anweisungen gegeben, die auch in stressreichen Situationen umgesetzt werden können.

Stressreduktion spielt eine wichtige therapeutische Rolle. Schmerzen und Angst aktivieren das sympathische Nervensystem, was zu stärkerer Blutung, erhöhter Atemarbeit und geringerer Kooperation führen kann. Eine ruhige Umgebung, möglichst wenige beteiligte Personen und eine sichere Fixation des Tieres helfen, diese Risiken zu minimieren.

Besondere Aufmerksamkeit gilt auch möglichen Atemwegsproblemen. Wenn gleichzeitig inspiratorische Dyspnoe, Stridor oder Zyanose auftreten, hat die Sicherung der Atemwege Priorität vor der lokalen Augenverletzung. Auch ein dramatisch aussehender Bulbusprolaps darf nicht dazu führen, dass lebenswichtige Funktionen übersehen werden.

Hygiene spielt bei Augen- und Schleimhautverletzungen ebenfalls eine wichtige Rolle. Sterile Kompressen und saubere physiologische Kochsalzlösung werden bevorzugt. Leitungswasser oder nicht sterile Flüssigkeiten sollten möglichst nicht direkt auf offene Gewebe aufgebracht werden. Ziel ist eine möglichst geringe Kontamination unter den Bedingungen des präklinischen Einsatzes.

Im Training werden verschiedene Szenarien simuliert, um die Entscheidungsfähigkeit der Einsatzkräfte zu stärken. Dazu gehören Bulbusprolaps nach Hundekämpfen, Hornhautverletzungen durch Katzenkrallen, Nasenbluten nach Trauma, Fremdkörper im Ohr oder akute Atemwegsobstruktionen. In jedem dieser Szenarien wird geübt, Prioritäten zu setzen und eine strukturierte Übergabe vorzubereiten.

Auch die Differenzialdiagnostik wird angesprochen. Nasenbluten kann beispielsweise durch Trauma, Fremdkörper, Gerinnungsstörungen oder Tumorerkrankungen verursacht werden. Akute Atemnot kann auf eine mechanische Obstruktion, eine Larynxparalyse, eine allergische Reaktion oder ein Lungenödem zurückzuführen sein. Im präklinischen Kontext steht jedoch nicht die endgültige Diagnose im Vordergrund, sondern das sichere Erkennen von Warnzeichen und die schnelle Einleitung geeigneter Maßnahmen.

Fallbeispiel: Mops nach Hundekampf mit sichtbarem Bulbus außerhalb der Lidspalte, Tier reibt stark am Auge. Fokus: Auge kontinuierlich feucht halten (sterile NaCl oder Augengel), Schutzkragen anlegen, keine Druckmanipulation durchführen und schnellstmöglicher Transport mit Voranmeldung in eine chirurgisch ausgestattete Tierklinik.

2. Hornhautverletzungen (Erosion, Ulcus, Perforationsverdacht)

Hornhautverletzungen
Abbildung 2: Hornhautverletzungen – Schmerzzeichen erkennen, iatrogene Schäden vermeiden, Schutzkragen und Transport.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Hornhautverletzungen immer als potenziell progressiven Augennotfall behandeln: Reiben verhindern, Druck vermeiden und bei Perforationsverdacht nur schützen statt zu spülen

1) Typische Schmerzzeichen

  • Blepharospasmus
  • Photophobie
  • Tränenfluss
  • Pfotenreiben am Auge

2) Präklinische Schutzmaßnahmen

  • Schutzkragen
  • kein Druck auf das Auge
  • keine Hausmittel
  • sterile NaCl-Spülung nur wenn sinnvoll

3) Alarmbefunde

  • Hornhauttrübung
  • bläuliches Ödem
  • unregelmäßige Pupille
  • Blut oder eitriger Ausfluss

4) Klinikübergabe

  • Auslöser (Krallenverletzung/Fremdkörper)
  • Schmerzstatus
  • Manipulationen durch Halter
  • Schutzmaßnahmen bereits erfolgt?
Red Flags: trübe Hornhaut, deutliche Schmerzreaktion, asymmetrische Pupille, Verdacht auf Perforation, rasche Verschlechterung des Seh- oder Schmerzverhaltens.
NICHT Kamillentee, Leitungswasser oder andere Hausmittel anwenden, das Auge massieren oder bei Perforationsverdacht spülen.

Hornhautverletzungen gehören zu den häufigsten augenmedizinischen Notfällen bei Tieren. Die Hornhaut liegt exponiert an der Oberfläche des Auges und ist daher besonders anfällig für mechanische Einwirkungen. Schon kleine Fremdkörper wie Sand, Staubpartikel oder Grasgrannen können schmerzhafte Läsionen verursachen. Auch Krallenverletzungen bei Katzenkämpfen oder Bissverletzungen bei Hundekonflikten führen häufig zu Schäden an der Hornhaut. Das Spektrum reicht dabei von oberflächlichen Erosionen über tiefe Ulzera bis hin zu perforierenden Verletzungen.

Ein zentraler Schwerpunkt der präklinischen Einschätzung ist die Erkennung von Schmerzsymptomen. Tiere mit Hornhautverletzungen zeigen häufig ein sehr typisches Verhalten. Dazu gehören starkes Blinzeln oder krampfhaftes Zusammenkneifen der Lider (Blepharospasmus), ausgeprägte Lichtempfindlichkeit (Photophobie), vermehrter Tränenfluss sowie wiederholtes Reiben des Auges mit Pfote oder Kopf. Manche Tiere halten den Kopf schief oder ziehen sich in dunkle Bereiche zurück. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass starke Schmerzen nicht automatisch eine oberflächliche Verletzung bedeuten. Im Gegenteil: Gerade tiefere Hornhautulzera können extrem schmerzhaft sein und ein hohes Risiko für eine schnelle Verschlechterung tragen.

Die präklinische Aufgabe besteht deshalb nicht in einer detaillierten Diagnostik, sondern in der Vermeidung zusätzlicher Schädigung. Ein besonders wichtiger Schritt ist das Verhindern von Reiben oder Kratzen am Auge. Hierfür wird in der Regel ein Schutzkragen verwendet. Dieser verhindert, dass das Tier mit der Pfote am Auge reibt und dadurch die Verletzung vertieft.

Ebenso wichtig ist es, mechanischen Druck auf das Auge zu vermeiden. Das Auge darf nicht gedrückt oder massiert werden, da dies zu weiteren Schäden an der Hornhaut oder an tieferen Strukturen führen kann. Auch sogenannte Hausmittel sind strikt zu vermeiden. Flüssigkeiten wie Kamillentee, Leitungswasser oder andere nicht sterile Substanzen können Reizungen verursachen oder Keime in die Wunde einbringen.

Wenn eine Spülung erforderlich erscheint, sollte diese ausschließlich mit steriler physiologischer Kochsalzlösung erfolgen. Ziel ist lediglich das Entfernen lose aufliegender Partikel. Die Spülung erfolgt vorsichtig und ohne Druck, um die empfindliche Hornhaut nicht zusätzlich zu traumatisieren.

Ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung ist das Bewusstsein für die diagnostischen Grenzen im präklinischen Bereich. Untersuchungen wie die Fluoreszein-Färbung zur Darstellung von Hornhautdefekten oder eine Spaltlampenuntersuchung gehören in die tierärztliche Klinik. Präklinisch wird daher nicht versucht, eine genaue Diagnose zu stellen. Stattdessen konzentriert sich das Vorgehen auf Schutzmaßnahmen und einen schnellen Transport zur fachärztlichen Untersuchung.

Bestimmte Befunde gelten als besonders alarmierend. Dazu gehören eine deutlich sichtbare Hornhauttrübung, ein bläulich wirkendes Hornhautödem, eitriger Augenausfluss oder Blut im vorderen Augenabschnitt. Auch eine unregelmäßige oder asymmetrische Pupille kann auf eine schwerere Verletzung hinweisen. Bei Verdacht auf eine Hornhautperforation gilt eine besonders zurückhaltende Vorgehensweise. Das Auge wird nur geschützt und feucht gehalten; Spülungen oder Druckverbände werden vermieden. Anschließend erfolgt ein möglichst schneller Transport in eine tierärztliche Klinik.

Ein wesentlicher Teil der Versorgung ist die Kommunikation mit den Tierhaltern. Viele Besitzer versuchen aus Sorge spontan zu helfen und greifen zu Tropfen aus der Hausapotheke oder anderen improvisierten Maßnahmen. Der Rettungssanitäter erklärt ruhig, dass solche Behandlungen die Situation verschlechtern können. Stattdessen wird empfohlen, das Tier ruhig zu halten, Manipulationen am Auge zu vermeiden und den Schutzkragen zu akzeptieren.

Typische Fallübungen in der Ausbildung spiegeln realistische Situationen wider. Ein Beispiel ist eine Katze mit einer Kratzverletzung am Auge, die starke Schmerzen zeigt und sich ständig am Auge reiben möchte. Der Halter möchte Augentropfen aus der Hausapotheke anwenden. In solchen Szenarien wird trainiert, medizinische Risiken verständlich zu erklären und gleichzeitig eine schnelle klinische Behandlung zu organisieren.

Für die Übergabe an die Tierklinik werden mehrere Parameter dokumentiert. Dazu gehören der Zeitpunkt des Auftretens der Symptome, mögliche Auslöser wie Kampf oder Fremdkörperkontakt, bereits erfolgte Manipulationen durch den Halter sowie aktuelle Schmerzzeichen. Zusätzlich wird beobachtet, ob das Tier noch Orientierung zeigt oder Hinweise auf Sehvermögen bestehen. Auch bereits durchgeführte Maßnahmen wie das Anlegen eines Schutzkragens oder eine vorsichtige NaCl-Spülung werden angegeben.

Augen- und HNO-Notfälle gelten grundsätzlich als zeitkritisch, da die beteiligten Gewebe sehr empfindlich sind. Schon kurze Zeiträume können darüber entscheiden, ob das Sehvermögen erhalten bleibt. Deshalb liegt der Schwerpunkt der präklinischen Versorgung auf einfachen und sicheren Maßnahmen. Schutz des verletzten Bereichs, Feuchthalten der Oberfläche, Stressreduktion und ein schneller Transport stehen im Vordergrund.

Bei der klinischen Einschätzung werden wenige, aber zuverlässige Parameter genutzt. Dazu gehören Schmerzreaktionen, funktionelle Hinweise wie Orientierung oder Sehfähigkeit sowie das Ausmaß von Blutungen. Ebenso wichtig ist der zeitliche Verlauf. Eine rasche Verschlechterung innerhalb kurzer Zeit ist ein Warnsignal für eine schwerere Verletzung.

Auch in diesen Situationen bleibt das strukturierte ABCDE-Denken wichtig. Wenn gleichzeitig Atemprobleme wie inspiratorische Dyspnoe, Stridor oder Zyanose auftreten, hat die Sicherung der Atemwege Vorrang vor der lokalen Augenverletzung. Lebenswichtige Funktionen werden immer zuerst stabilisiert.

Hygienische Maßnahmen sind ebenfalls zu beachten. Für Augenverletzungen werden sterile Kompressen und saubere Kochsalzlösung verwendet. Leitungswasser oder andere nicht sterile Flüssigkeiten sollten möglichst nicht direkt auf offene Augenstrukturen gelangen. Ziel ist es, zusätzliche Kontamination zu vermeiden und die Voraussetzungen für eine erfolgreiche klinische Behandlung zu verbessern.

Fallbeispiel: Katze nach Kratzverletzung mit starkem Blinzeln, Photophobie und trüber Hornhaut. Fokus: Schutzkragen anlegen, keine Hausmittel anwenden, vorsichtiges Feuchthalten mit steriler NaCl-Lösung und schneller Transport zur augenärztlichen Untersuchung.

3. Fremdkörper (Auge/Ohr/Nase/Atemweg)

Fremdkörper Auge Ohr
Abbildung 3: Fremdkörper – nicht „pulen“; sichere Stabilisierung und tierärztliche Entfernung.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Fremdkörper nur dann präklinisch anfassen, wenn sie eindeutig oberflächlich und ohne Widerstand zu entfernen sind – sonst Stabilisierung, Schutz und tierärztliche Entfernung

1) Lokalisation mitdenken

  • Auge: Reiben verhindern
  • Ohr: nicht tief manipulieren
  • Nase: keine tiefen Instrumente
  • Atemweg: Atemarbeit priorisieren

2) Sichere Grundsätze

  • nur sichtbare, leicht greifbare Fremdkörper
  • bei Widerstand sofort stoppen
  • keine Gewalt
  • keine Blindmanöver

3) Bei Grasgrannen besonders beachten

  • schnelle Entzündung möglich
  • Selbsttrauma verhindern
  • stressarm transportieren
  • Frühvoranmeldung sinnvoll

4) Übergabe

  • vermutete Lokalisation
  • Dauer seit Beginn
  • Blutung oder Atemnot
  • bereits erfolgte Manipulationen
Red Flags: starker Schmerz, Blutung, einseitiger Ausfluss, tiefe Lage, zunehmende Unruhe, Stridor, Zyanose oder inspiratorische Dyspnoe.
NICHT im Ohr oder Rachen „herumpfriemeln“, tiefe Spülungen erzwingen oder bei Verschlechterung weiterprobieren.

Fremdkörper in Auge, Ohr, Nase oder oberen Atemwegen gehören zu den typischen Notfallauslösern – besonders häufig sind Grasgrannen, weil sie sich leicht in Gewebe „einschrauben“ und dort rasch Entzündung, Infektion und starke Schmerzen verursachen. Präklinisch steht deshalb nicht das Entfernen um jeden Preis im Vordergrund, sondern Schadensbegrenzung und ein sicherer, zügiger Transport. Entfernt wird höchstens dann, wenn der Fremdkörper eindeutig oberflächlich, gut greifbar und ohne Penetrationsverdacht ist – und nur solange dies ohne Widerstand und ohne klinische Verschlechterung gelingt.

Auge: Bei okularen Fremdkörpern wird Manipulation vermieden, sobald das Tier ausgeprägte Schmerzzeichen zeigt oder der Fremdkörper tief sitzt. Reiben wird verhindert (Schutzkragen), die Hornhaut wird feucht gehalten (sterile NaCl-Lösung/steriles Gel), und der Patient wird in eine Klinik transportiert. „Herumprobieren“ ist präklinisch kontraindiziert, weil Druck, Reiben oder unsterile Eingriffe die Hornhaut perforieren oder infizieren können.

Ohr: Ohrfremdkörper (z. B. Grannen, Insekten) sind besonders riskant, weil unsachgemäßes „Pfriemeln“ den Gehörgang verletzt oder das Trommelfell schädigen kann. Präklinisch wird daher auf tiefes Manipulieren verzichtet: Ohr wird möglichst vor weiterem Kratzen geschützt, Tier beruhigt und stressarm transportiert. Falls verfügbar kann ein Schutzkragen helfen, Selbsttrauma zu reduzieren. Ziel ist die sichere Entfernung unter Kontrolle (Sedation/Instrumentarium) in der Klinik.

Nase/oberer Respirationstrakt: Nasenfremdkörper zeigen sich häufig durch Niesen, einseitigen Ausfluss, Pfotenreiben und ggf. Epistaxis. Präklinisch gilt: keine tiefen Instrumente, keine Hausmittel und keine forcierte Spülung. Sichtbares Material direkt am Naseneingang kann vorsichtig entfernt werden – aber nur, solange es ohne Widerstand möglich ist und die Blutung nicht zunimmt. Sobald Widerstand spürbar ist oder die Situation eskaliert (stärkere Blutung, zunehmende Unruhe), wird abgebrochen und transportiert.

Atemwegsfremdkörper/Obstruktion: Husten, Würgen, inspiratorische Not, Stridor oder Zyanose sind Red Flags für eine relevante Atemwegsbeteiligung. Hier gilt konsequent: Atemweg vor Lokalbefund. Präklinisch werden riskante Blindmanöver vermieden. Stattdessen werden Lagerung, Stressreduktion, Minimierung von Manipulationen und ein rascher Transport priorisiert. Im Training sind „Stop-Rules“ zentral: Wenn ein Versuch die Atemnot verstärkt oder der Patient panisch wird, wird sofort abgebrochen.

Für die Übergabe werden wenige, aber entscheidende Informationen strukturiert dokumentiert: vermutete Lokalisation (Auge/Ohr/Nase/Atemweg), Dauer seit Beginn, Blutung/Einseitigkeit, bereits erfolgte Manipulationen (Spülen, Ziehen, „Zupfen“) sowie aktuelle Atem- und Kreislaufzeichen. Damit kann die Klinik Sedation, Endoskopie oder chirurgische Versorgung zielgerichtet vorbereiten.

Fallbeispiel: Hund schüttelt Kopf, schreit bei Ohrberührung, Verdacht auf Grasgranne. Fokus: nicht „pulen“, Selbsttrauma verhindern (Schutzkragen), Stress minimieren, zügiger Transport zur kontrollierten Entfernung.

4. Epistaxis (Nasenbluten, Stabilität, Gerinnungs-Red-Flags)

Epistaxis
Abbildung 4: Epistaxis – Stress reduzieren, Kreislauf beurteilen, toxikologische Red Flags bedenken.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Epistaxis konservativ führen: Ruhe, neutrale Kopfhaltung, Kreislaufstatus prüfen und bei Gerinnungsverdacht oder Instabilität die Klinik mit Red Flags vorwarnen

1) Sofort sinnvoll

  • Stressreduktion
  • Kopf neutral oder leicht nach vorn
  • Blutabfluss zulassen
  • Kühlung nur wenn toleriert

2) Kreislauf prüfen

  • Schleimhautfarbe
  • CRT
  • Pulsqualität
  • Bewusstsein und Schwäche

3) An Gerinnungsstörung denken bei

  • spontaner Blutung ohne Trauma
  • Hämatomen
  • Blutungen an mehreren Stellen
  • möglichem Giftkontakt

4) Übergabe

  • Trauma ja/nein
  • Dauer und Stärke der Blutung
  • weitere Blutungszeichen
  • ergriffene Maßnahmen
Red Flags: anhaltende oder starke Blutung, blasse Schleimhäute, Schwäche, verlängerte CRT, Hämatome, Hämatochezie, Verdacht auf Antikoagulanzien.
NICHT den Kopf nach hinten überstrecken, tief tamponieren oder durch hektische Manipulation die Blutung verstärken.

Epistaxis, also Nasenbluten, wirkt für Tierhalter häufig sehr dramatisch, ist jedoch als Symptom ausgesprochen unspezifisch. Präklinisch wird deshalb ein wichtiger Grundsatz vermittelt: Nicht die Menge des Blutes ist entscheidend, sondern der allgemeine Zustand des Patienten. Ein Tier mit nur leichter Blutung kann dennoch eine schwerwiegende Ursache haben, während ein Tier mit stärkerer Blutung stabil bleiben kann. Entscheidend ist daher immer die Beurteilung von Kreislauf, Atmung und Bewusstseinslage.

Die möglichen Ursachen einer Epistaxis sind vielfältig. Häufige Auslöser sind traumatische Ereignisse wie Stöße oder Kämpfe, Fremdkörper in den Nasenhöhlen oder entzündliche Prozesse. Darüber hinaus können Gerinnungsstörungen, beispielsweise durch Antikoagulanzienvergiftungen (Rattengift), systemische Erkrankungen, Bluthochdruck oder Tumorerkrankungen eine Rolle spielen. Präklinisch steht deshalb nicht die endgültige Diagnose im Vordergrund, sondern das Erkennen potenziell gefährlicher Situationen.

Das präklinische Vorgehen ist in der Regel konservativ. Ruhe und Stressreduktion haben oberste Priorität, da Aufregung den Blutdruck erhöhen und die Blutung verstärken kann. Der Kopf des Tieres sollte nicht nach hinten überstreckt werden. Diese Haltung kann dazu führen, dass Blut in die Atemwege gelangt und aspirierte Blutmengen Atemprobleme verursachen. Stattdessen wird eine neutrale oder leicht nach vorne gerichtete Kopfposition bevorzugt, sodass Blut aus der Nase abfließen kann.

In manchen Fällen kann eine vorsichtige Kühlung des Nasenrückens mit kalten Kompressen hilfreich sein. Durch die lokale Kälte kommt es zu einer Vasokonstriktion, wodurch sich kleine Blutungen abschwächen können. Diese Maßnahme wird jedoch nur durchgeführt, wenn das Tier sie toleriert und dadurch nicht zusätzlich gestresst wird.

Manipulationen an der Nase werden präklinisch sehr zurückhaltend bewertet. Das Einführen von Tamponaden oder das Stopfen der Nase kann zusätzliche Verletzungen verursachen und ist außerhalb klarer Protokolle nicht angezeigt. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf Beobachtung, Stabilisierung und einem sicheren Transport in eine Tierklinik.

Ein zentraler Bestandteil der Einschätzung ist die Kreislaufbeurteilung. Hierzu werden Schleimhautfarbe, Kapillarfüllungszeit (CRT), Pulsqualität, Atemfrequenz und Körpertemperatur überprüft. Hinweise auf Schock oder Kreislaufinstabilität – etwa blasse Schleimhäute, verlängerte CRT oder Schwäche – erfordern eine schnelle Transportentscheidung und eine entsprechende Voranmeldung in der Klinik.

Besondere Aufmerksamkeit gilt möglichen toxikologischen Ursachen. Eine Epistaxis ohne offensichtliches Trauma in Kombination mit Hämatomen, punktförmigen Blutungen oder blutigem Kot kann auf eine Antikoagulanzienvergiftung hinweisen. In solchen Fällen ist eine gezielte Anamnese wichtig, etwa die Frage nach möglichem Kontakt mit Giftködern oder Rattengift. Eine frühzeitige Behandlung in der Klinik, beispielsweise mit Vitamin-K-Therapie oder Plasmatransfusion, kann lebensrettend sein.

In der Ausbildung werden solche Szenarien anhand realistischer Fallbeispiele trainiert. Ein typisches Trainingsszenario ist ein Hund mit spontaner Epistaxis nach möglichem Giftkontakt. Der Lernende muss gezielte Fragen stellen, ohne voreilige Schlussfolgerungen zu ziehen, und gleichzeitig eine strukturierte Übergabe an die Tierklinik vorbereiten.

Grundsätzlich gilt im präklinischen Kontext die klare Trennung zwischen Schadensbegrenzung und definitiver Therapie. Maßnahmen vor Ort sollen das Tier stabilisieren und weitere Schäden verhindern, nicht jedoch eine vollständige Behandlung ersetzen. Gerade bei Augen- und HNO-Notfällen ist Zeit ein entscheidender Faktor, da empfindliche Gewebe schnell Schaden nehmen können.

Ein zentrales Prinzip ist das Vermeiden iatrogener Schäden. Unnötige Manipulationen, Druck auf empfindliche Strukturen oder unsterile Eingriffe können die Situation verschlechtern. Deshalb werden einfache und sichere Maßnahmen bevorzugt: Stressreduktion, schonende Lagerung, Schutz empfindlicher Bereiche und schneller Transport.

Die klinische Einschätzung orientiert sich an wenigen, aber zuverlässigen Parametern. Dazu zählen Schmerzreaktionen, funktionelle Hinweise wie Orientierung oder Atemmuster sowie die Menge und Frequenz der Blutung. Ebenso wichtig ist der zeitliche Verlauf: Eine rasche Verschlechterung innerhalb kurzer Zeit stellt ein Warnsignal dar.

Die Übergabe an die Tierklinik erfolgt nach einem strukturierten Schema. Wichtige Informationen sind der Zeitpunkt des Beginns, mögliche Auslöser wie Trauma oder Fremdkörperkontakt, bereits erfolgte Manipulationen durch den Halter sowie aktuelle klinische Befunde. Auch bereits ergriffene Maßnahmen wie Kühlung oder Stressreduktion werden dokumentiert.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der präklinischen Versorgung ist die Kommunikation mit den Tierhaltern. Viele Besitzer versuchen aus Sorge, aktiv einzugreifen. Der Rettungssanitäter erklärt daher ruhig, warum bestimmte Maßnahmen – etwa das Zurücklegen des Kopfes bei Nasenbluten – gefährlich sein können. Stattdessen werden klare, einfache Handlungsanweisungen gegeben, die auch unter Stress gut umsetzbar sind.

Auch hier gilt konsequent das ABCDE-Prinzip. Wenn gleichzeitig Atemprobleme wie inspiratorische Dyspnoe, Stridor oder Zyanose auftreten, hat die Sicherung der Atemwege Vorrang vor der lokalen Blutung. Lebenswichtige Funktionen werden immer zuerst stabilisiert.

Hygienische Maßnahmen bleiben ebenfalls wichtig. Bei Schleimhautverletzungen werden sterile Kompressen und saubere physiologische Kochsalzlösung verwendet. Leitungswasser oder nicht sterile Flüssigkeiten sollten möglichst nicht direkt auf offene Gewebe gelangen, um zusätzliche Kontamination zu vermeiden.

Die Ausbildung nutzt unterschiedliche Fallbeispiele, um Entscheidungsfähigkeit und Priorisierung zu trainieren. Dazu gehören Situationen wie Bulbusprolaps nach Hundekampf, Hornhautverletzungen durch Katzenkrallen, Epistaxis nach Trauma oder akute Atemwegsobstruktionen. In jedem dieser Szenarien wird das strukturierte Vorgehen von Stabilisierung, Risikobewertung und Übergabe geübt.

Fallbeispiel: Hund mit spontaner Epistaxis, zusätzlich Hämatome und möglicher Giftkontakt. Fokus: Kreislaufstatus überprüfen, Stress reduzieren, Nasenrücken nur bei guter Toleranz kühlen und Klinik mit Verdacht auf Gerinnungsstörung voranmelden.

5. Akute Atemwegsobstruktionen (Priorität Atemweg, Stridor, Transport)

Atemwegsobstruktionen
Abbildung 5: Obstruktionen – Atemweg priorisieren, Stress senken, O₂ nur wenn toleriert, schnelle Klinik.
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN

Bei inspiratorischer Dyspnoe oder Stridor sofort den Atemweg priorisieren: Ruhe schaffen, Manipulation minimieren und nur tolerierte Unterstützung bis zum schnellen Kliniktransport einsetzen

1) Frühwarnzeichen

  • Stridor
  • verlängerte Inspiration
  • deutliche Atemhilfsmuskulatur
  • Zyanose oder Panik

2) Sofortmaßnahmen

  • Ruhe und kühle Luft
  • selbstgewählte Lagerung belassen
  • O₂ nur wenn toleriert
  • kurze Wege und Voranmeldung

3) Manipulationen begrenzen

  • keine Blindmanöver
  • keine tiefe Rachenmanipulation
  • Stop-Regel bei Verschlechterung
  • Eigenschutz beachten

4) Klinikübergabe

  • Beginn der Atemnot
  • möglicher Auslöser
  • Stridor/Zyanose ja oder nein
  • Reaktion auf Ruhe oder O₂
Red Flags: wiederholte Zyanose, inspiratorischer Stridor, massive Atemarbeit, rasche Erschöpfung, sichtbarer Fremdkörper, Kollapsneigung.
NICHT blind tief in den Rachen greifen, panische Sauerstoffzwangsmaßnahmen durchführen oder durch unnötige Untersuchung Zeit verlieren.

Akute Atemwegsobstruktionen im HNO-Bereich gehören zu den kritischsten Notfällen in der präklinischen Tiermedizin. Bereits wenige Minuten eingeschränkter Luftzufuhr können zu schwerer Hypoxie, Kreislaufversagen oder neurologischen Schäden führen. Zu den häufigsten Ursachen zählen Fremdkörper in den oberen Atemwegen, Kehlkopfödem, Larynxparalyse, schwere Tonsillitis, anaphylaktische Reaktionen sowie das brachycephale obstruktive Atemwegssyndrom. In der präklinischen Ausbildung gilt daher ein klares Prioritätsprinzip: Atemweg vor Auge vor Blutung.

Die frühzeitige Erkennung einer Atemwegsobstruktion erfolgt vor allem über die Beobachtung der Atemarbeit. Typische Warnzeichen sind inspiratorische Geräusche wie Stridor, eine verlängerte Einatmungsphase, deutliche Bauchpresse oder stark arbeitende Atemhilfsmuskulatur. Viele Tiere zeigen zusätzlich weit geöffnete Nasenlöcher, einen nach vorne gestreckten Hals oder eine typische „Sitzhaltung“, um die Atmung zu erleichtern. In fortgeschrittenen Situationen kann eine Zyanose auftreten, bei der Schleimhäute bläulich verfärbt sind.

Bei solchen Symptomen ist Zurückhaltung in der Manipulation entscheidend. Aufregung oder unnötige Eingriffe können die Atemwegsverengung weiter verschlimmern. Daher wird das Tier möglichst ruhig gehalten und in eine Position gebracht, in der die Atemarbeit subjektiv am geringsten erscheint. Manche Tiere bevorzugen eine sternal liegende Haltung mit gestrecktem Hals, andere eine stabile Seitenlage. Die jeweils am besten tolerierte Position wird beibehalten.

Eine ruhige Umgebung ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Stress aktiviert den Sympathikus, steigert den Sauerstoffbedarf und verschlechtert die Atemsituation. Deshalb werden unnötige Geräusche, hektische Bewegungen und zusätzliche Manipulationen vermieden. Kurze Wege, eine kühle Umgebungsluft und ein schneller Transport sind die wichtigsten präklinischen Maßnahmen.

Sauerstoffgabe kann unterstützend wirken, ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn das Tier sie toleriert. Bei stark panischen Patienten kann eine forcierte Sauerstoffapplikation die Situation verschlechtern. In solchen Fällen hat Stressreduktion Vorrang vor technischer Unterstützung.

Besondere Vorsicht gilt bei möglichen Fremdkörpern im Maul- oder Rachenraum. Eine Sichtkontrolle ist nur dann sinnvoll, wenn sie ohne Risiko durchgeführt werden kann. Blindes Greifen oder tiefe Manipulationen im Rachenraum sind gefährlich, da sie den Fremdkörper weiter nach distal verschieben oder zusätzliche Verletzungen verursachen können.

Bei akuten Erstickungsereignissen sind schnelle, aber kontrollierte Entscheidungen erforderlich. Jede Maßnahme wird daraufhin bewertet, ob sie die Atemsituation verbessert oder verschlechtert. Wenn eine Manipulation zu stärkerer Atemnot oder Panik führt, wird sie sofort beendet. Diese sogenannten „Stop-Rules“ sind ein zentraler Bestandteil der präklinischen Ausbildung.

Für die klinische Übergabe werden mehrere Schlüsselinformationen dokumentiert. Dazu gehören der Zeitpunkt des Beginns der Atemprobleme, ein möglicher Auslöser wie Fremdkörperkontakt oder Trauma, die Art der Atemgeräusche sowie das Vorliegen von Zyanose. Ebenfalls relevant ist, ob sich die Situation unter Ruhe oder Sauerstoffgabe verbessert hat und ob ein Fremdkörper sichtbar war.

Die Ausbildung arbeitet häufig mit realitätsnahen Simulationen. Ein typisches Szenario ist ein Hund, der nach dem Spielen mit einem Stöckchen plötzlich Stridor entwickelt. Der Lernende muss in dieser Situation Prioritäten setzen, riskante Manipulationen vermeiden und gleichzeitig eine strukturierte Voranmeldung in der Tierklinik durchführen.

Auch bei Atemwegsnotfällen gilt das übergeordnete Prinzip der präklinischen Tiermedizin: Schadensbegrenzung statt definitiver Therapie. Die Maßnahmen vor Ort sollen das Tier stabilisieren und weitere Verschlechterung verhindern, während die definitive Behandlung in der Klinik erfolgt.

Ein zentrales Ausbildungsziel ist außerdem das Vermeiden iatrogener Schäden. Unnötiger Druck auf empfindliche Strukturen, unsterile Eingriffe oder hektische Manipulationen können die Situation erheblich verschlechtern. Deshalb werden einfache und sichere Maßnahmen bevorzugt: Schutz empfindlicher Bereiche, Stressreduktion, geeignete Lagerung und ein schneller Transport.

Die klinische Einschätzung orientiert sich an wenigen, aber verlässlichen Parametern. Neben der Atemarbeit werden Schmerzreaktionen, Orientierung des Tieres sowie mögliche Blutungen beobachtet. Besonders wichtig ist der zeitliche Verlauf: Eine rasche Verschlechterung innerhalb kurzer Zeit deutet auf eine kritische Situation hin.

Die Übergabe an die Tierklinik erfolgt nach einem strukturierten Schema. Neben dem Beginn der Symptome werden der vermutete Auslöser, mögliche Manipulationen durch den Halter sowie aktuelle Befunde übermittelt. Dazu gehören Atemfrequenz, Atemgeräusche, Schleimhautfarbe und das Vorhandensein von Zyanose.

Auch die Kommunikation mit Tierhaltern spielt eine wichtige Rolle. Besitzer werden aktiv davon abgehalten, riskante Maßnahmen durchzuführen, etwa blind im Maul nach Fremdkörpern zu greifen oder das Tier hektisch zu manipulieren. Stattdessen erhalten sie klare und kurze Anweisungen, die auch unter Stress leicht umgesetzt werden können.

Das strukturierte ABCDE-Denken bleibt auch hier zentral. Wenn gleichzeitig andere dramatische Befunde auftreten – etwa eine Augenverletzung oder Blutung – hat die Sicherung des Atemwegs immer Vorrang. Erst wenn die Atmung stabilisiert ist, werden weitere Verletzungen beurteilt.

Hygienische Maßnahmen werden ebenfalls berücksichtigt. Bei Verletzungen von Schleimhäuten oder im Gesichtsbereich werden sterile Kompressen und saubere physiologische Kochsalzlösung verwendet. Leitungswasser oder andere nicht sterile Flüssigkeiten sollten möglichst nicht direkt auf offene Gewebe gelangen.

Die Ausbildung nutzt zahlreiche Fallbeispiele, um Entscheidungsfähigkeit und Priorisierung zu trainieren. Dazu gehören Bulbusprolaps nach Hundekämpfen, Hornhautverletzungen durch Katzenkrallen, Epistaxis nach Trauma, Fremdkörper im Ohr sowie akute Atemwegsobstruktionen nach Erstickungsversuchen. In jedem Szenario wird geübt, Warnzeichen zu erkennen und strukturiert zu handeln.

Fallbeispiel: Hund entwickelt plötzlich lauten Stridor nach dem Spielen mit einem Stock, wiederholte Zyanoseepisoden. Fokus: ruhige Umgebung, kühle Luft, Sauerstoff nur wenn toleriert, keine blinden Manipulationen im Rachen und sofortige Voranmeldung sowie Transport in eine Tierklinik.

Selbsttest (10 von 20 Fragen)

Single-Choice: pro Frage eine richtige Antwort. Bestehensgrenze: 70%. (Fragen & Antworten werden gemischt.)

Frage 1: Was ist die wichtigste präklinische Maßnahme beim Bulbusprolaps?

Frage 2: Warum ist ungezieltes Ziehen/Repositionieren des Bulbus im Feld riskant?

Frage 3: Welche Aussage zu Hornhautverletzungen ist korrekt?

Frage 4: Wann sollte bei Verdacht auf Hornhautperforation NICHT gespült werden?

Frage 5: Warum ist das „Pfriemeln“ im Ohr bei Fremdkörperverdacht problematisch?

Frage 6: Welche Maßnahme ist bei Epistaxis präklinisch sinnvoll?

Frage 7: Welche Konstellation ist eine Red Flag für Gerinnungsstörung/Antikoagulanzien?

Frage 8: Was hat bei gleichzeitiger Augenverletzung und Atemnot Priorität?

Frage 9: Welche Aussage zu Sauerstoffgabe bei HNO-Obstruktion ist korrekt?

Frage 10: Warum werden Blindmanöver im Maul bei Erstickungsverdacht kritisch gesehen?

Frage 11: Welche Erstmaßnahme ist bei chemischer Augenexposition (ohne Perforationsverdacht) am sinnvollsten?

Frage 12: Welche Maßnahme schützt ein verletztes Auge am besten vor Reiben?

Frage 13: Welche Beobachtung spricht am ehesten für ein Glaukom (Notfall)?

Frage 14: Welche Aussage zu Augenverband ist am zutreffendsten?

Frage 15: Was ist bei Ohrbluten nach Trauma (z. B. Riss im Ohr) präklinisch sinnvoll?

Frage 16: Welche Konstellation ist bei Epistaxis besonders zeitkritisch?

Frage 17: Was ist bei Verdacht auf Fremdkörper im Rachen (teilweise Obstruktion) am sinnvollsten?

Frage 18: Welche Aussage zu Maulkontrolle bei Erstickungsverdacht ist korrekt?

Frage 19: Welche Übergabeinformation ist bei Bulbusprolaps besonders wichtig?

Frage 20: Welche Maßnahme ist bei allen Augen-/HNO-Notfällen besonders leitend?

Fallsimulation (funktional)

Ziel: Atemwegsnotfall priorisieren → stressarm stabilisieren → strukturierte Voranmeldung/Transport.

Klicke auf „Simulation starten“.
© Tier-Notruf Ausbildungsplattform · Kapitel 17 Augen- und HNO-Notfälle