
Schneewittchen und die sieben Beiräte
Ausgabe 001 · 15. November 2026
Es war einmal … und hätte genauso passieren können.
Es war einmal – und das Dach war undicht
Es war einmal, hinter sieben Kreisverkehren und drei schlecht ausgeschilderten Umleitungen, ein Königreich namens Eigentumshausen. Dort stand ein Mehrfamilienhaus, das so gepflegt aussah, als habe es noch nie einen Streit gegeben. Die Rosen blühten, das Treppenhaus glänzte, und selbst der Hausmeister grüßte freundlich, sofern ihn niemand nach seiner genauen Tätigkeitsbeschreibung fragte.
Nur ganz oben, unter den roten Ziegeln, wohnte ein Problem. Bei Sonnenschein schlief es. Bei Regen erwachte es und tropfte fröhlich auf die Dämmung. Zuerst hatte man die Tropfen für Kondenswasser gehalten, dann für eine Besonderheit des historischen Dachstuhls und zuletzt für einen bedauerlichen, aber kostengünstigen Charakterzug des Gebäudes.
Die Gemeinschaft bestand aus vierundzwanzig Wohnungen und sieben Verwaltungsbeiräten. Sieben! Niemand wusste mehr genau, weshalb es so viele waren. Einer behauptete, früher seien es drei gewesen, doch nach einer besonders langen Versammlung hätten sich vier weitere freiwillig gemeldet, um die ersten drei zu kontrollieren.
Als die alte Verwaltung nach ihrer siebenunddreißigsten außerordentlichen Besprechung erklärte, sie wolle künftig lieber wilde Drachen zählen, trat eine neue Verwalterin ihr Amt an. Sie hieß Schneewittchen. Sie war freundlich, aufmerksam und glaubte noch an die Kraft gut vorbereiteter Tagesordnungen. Es war ihre einzige wirkliche Schwäche.
Sieben Briefe und kein gemeinsamer Gedanke
Am ersten Morgen lagen sieben Briefe auf Schneewittchens Schreibtisch. Der erste war mit „ÄUSSERST DRINGEND“ überschrieben. Der zweite begann mit „Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“. Der dritte enthielt achtzehn Anlagen, von denen sechzehn fehlten. Im vierten stand nur: „Ich hatte es schon immer gesagt.“
Schneewittchen öffnete den Brief des Herrn Sofort. „Das Dach muss unverzüglich saniert werden!“, stand darin. „Ich erwarte die Fertigstellung möglichst noch vor der nächsten Regenfront.“ Herr Sofort hatte allerdings nicht verraten, welches Unternehmen nachts ein Dach erneuern sollte.
Herr Sparsam schlug vor, zunächst die Ziegel umzudrehen. „Die Unterseiten sind doch noch fast neu“, schrieb er. Frau Vorsicht verlangte drei weitere Gutachten, ein viertes Vergleichsangebot und eine schriftliche Bestätigung, dass niemand jemals etwas übersehen habe.
Herr Erfahrung erinnerte daran, dass das Dach seit seiner Kindheit immer gehalten habe. Dass er damals in einem anderen Haus gewohnt hatte, erschien ihm nebensächlich. Frau Gestaltung wünschte königsblaue Ziegel mit dezentem Glanz. Herr Grundsatz fragte, ob die Gemeinschaft überhaupt befugt sei, über ein Dach zu sprechen. Herr Später schließlich schlug vor, den gesamten Vorgang bis zum Frühjahr zu vertagen. „Im Sommer regnet es weniger“, schrieb er, „und die Sache beruhigt sich möglicherweise von allein.“
Schneewittchen las alles zweimal, stellte eine Tasse Tee auf und fragte ihre Sekretärin: „Sind das wirklich sieben Menschen?“ „Ja“, antwortete diese. „Und jeder hat noch eine Ehefrau, einen Schwager oder einen Bekannten, der sich ebenfalls auskennt.“
Die Sitzung im großen Saal
Am Donnerstag traf sich der Hohe Rat im Gemeinschaftsraum. Auf dem Tisch lagen das Schadensgutachten, drei Angebote, eine Kostenübersicht und ein sauber formulierter Beschlussvorschlag. Schneewittchen hatte außerdem Kekse bereitgestellt. In Eigentumshausen galt dies als mutiger Versuch der Deeskalation.
„Meine Damen und Herren“, begann sie, „wir haben eine dokumentierte Undichtigkeit. Die Fachleute empfehlen die Sanierung. Heute sollten wir die Unterlagen beraten und eine Empfehlung für die Eigentümerversammlung erarbeiten.“
„Einverstanden!“, rief Herr Sofort und hob die Hand, bevor jemand den Satz beendet hatte. „Widerspruch!“, rief Herr Grundsatz, obwohl noch gar kein Antrag gestellt war. Herr Sparsam betrachtete die Kekse und fragte, ob deren Kosten aus dem Gemeinschaftsvermögen bezahlt würden.
Frau Vorsicht wollte wissen, ob die drei Angebote tatsächlich vergleichbar seien. Frau Gestaltung fragte, ob die Dachziegel auf den Fotos in der richtigen Farbe dargestellt würden. Herr Erfahrung erklärte, ein ordentliches Dach müsse überhaupt nicht fotografiert werden. Herr Später schaute auf die Uhr und sagte: „Das wird heute nichts mehr.“
Nach einer Stunde hatte der Protokollführer fünf Seiten beschrieben. Sein einziger zusammenfassender Satz lautete: „Es entwickelte sich eine lebhafte Aussprache.“ Er war stolz auf seine diplomatische Begabung.
Als Schneewittchen die Kosten einer bloßen Notreparatur erläuterte, war Herr Sparsam begeistert. Als sie erklärte, dass diese die notwendige Sanierung nicht ersetze, war er wieder dagegen. Frau Gestaltung wollte die Reparatur in Königsblau. Herr Grundsatz wollte zunächst prüfen lassen, ob die Farbe des Daches ein eigener Tagesordnungspunkt sei.

Spieglein, Spieglein an der Wand
Im Flur hing ein alter Spiegel, den einst ein geheimnisvoller Immobilienberater gestiftet hatte. Er besaß die wunderliche Eigenschaft, jedem Betrachter genau das zu sagen, was dieser hören wollte.
Herr Sofort stellte sich davor. „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer entscheidet am schnellsten im ganzen Land?“ „Du, mein lieber Sofort“, antwortete der Spiegel. „Ohne dich wäre noch kein einziges Dach gedeckt.“
Frau Vorsicht fragte, wer am gründlichsten prüfe. „Niemand ist gründlicher als du“, flüsterte der Spiegel. Herr Sparsam fragte, wer die Gemeinschaft vor Ausgaben schütze. Der Spiegel erklärte ihn zum Retter aller Rücklagen.
Bald standen sieben zufriedene Beiräte vor dem Spiegel und waren sich in einem einzigen Punkt einig: Der jeweils andere hatte leider keine Ahnung. Schneewittchen trat hinzu, betrachtete die stolzen Gesichter und hängte kurzerhand ihren Mantel über das Glas.
„Weshalb das?“, fragte Herr Grundsatz empört. „Weil wir keinen Spiegel brauchen, der uns recht gibt“, erwiderte Schneewittchen. „Wir brauchen ein Dach, das kein Wasser durchlässt.“
Der Spiegel murmelte unter dem Mantel: „Das ist eine unzulässige Einschränkung meiner Meinungsfreiheit.“
Als der Regen mit abstimmte
Gerade als Herr Später eine Vertagung beantragen wollte, begann draußen ein Gewitter. Es donnerte über den Türmen des Königreichs, der Wind rüttelte an den Fenstern und irgendwo im Dachstuhl erwachte das Problem aus seinem Sommerschlaf.
Plitsch.
Ein Tropfen fiel mitten auf den Tisch. Dann ein zweiter. Dann ein dritter. Der Protokollführer zog sein Blatt zur Seite und notierte gewissenhaft: „Während der Beratung trat ein witterungsbedingtes Ereignis ein.“
Herr Grundsatz verlangte zunächst die Klärung, ob der Tropfen Gemeinschafts- oder Sondereigentum sei. Frau Gestaltung hielt einen silbernen Papierkorb darunter und fand, dieser passe nicht zum Interieur. Herr Sparsam wollte das Regenwasser für die Gartenbewässerung sammeln. Herr Erfahrung sagte, so etwas habe es früher nicht gegeben. Herr Sofort rief nach einem Dachdecker, der möglichst schon vor fünf Minuten hätte kommen sollen.
Nur Frau Vorsicht sagte leise: „Vielleicht sollten wir doch handeln.“ Alle starrten sie an, als habe sie einen Drachen zum Tee eingeladen.
Schneewittchen stellte einen Eimer unter das Leck und ließ den Hausmeister eine geeignete Sicherungsmaßnahme veranlassen. Dann beendete sie die Sitzung. „Morgen“, sagte sie, „reden wir nicht mehr über sieben Wünsche. Morgen reden wir über eine Lösung.“
Das Wunder der sieben kleinen Dächer
Am nächsten Tag erwartete die Beiräte eine Überraschung. Auf dem großen Tisch standen sieben kleine Modellhäuser. Schneewittchen hatte sie in der Nacht gemeinsam mit dem königlichen Baumeister vorbereitet.
Das erste Modell trug ein Dach, das so schnell errichtet worden war, dass einige Ziegel fehlten. Das zweite bestand aus besonders billigem Material. Das dritte war mit Gutachten beklebt, aber noch gar nicht gedeckt. Das vierte sah aus wie ein Dach von vor hundert Jahren. Das fünfte leuchtete königsblau. Beim sechsten fehlte das Dach vollständig, weil die Zuständigkeit ungeklärt war. Das siebte war mit einem Schild versehen: „Baubeginn nächstes Frühjahr“.
„Eine ausgezeichnete Ausstellung“, sagte Frau Gestaltung. „Das blaue gefällt mir.“
„Sehen wir einmal, wie sie funktionieren“, sagte Schneewittchen. Sie nahm eine kleine Gießkanne und ließ Wasser auf die Modelle fallen. Bei dem schnellen Dach drang es durch die Lücken. Beim billigen Dach löste sich die Beschichtung. Das Gutachtendach sog sich voll. Beim historischen Dach lief es an den Anschlüssen hinein. Das blaue Dach sah wunderschön aus, hatte aber denselben technischen Fehler wie das alte. Beim zuständigkeitslosen Modell stand das Wasser schon auf dem Wohnzimmerboden. Und das verschobene Dach blieb naturgemäß ein Versprechen.
Dann zeigte der Baumeister ein achtes Modell. Es besaß fachgerecht geplante Anschlüsse, geeignete Materialien und eine nachvollziehbare Kostenberechnung. Die Gießkanne rauschte. Das Innere blieb trocken.
„Aber das war nicht eines unserer sieben Modelle!“, rief Herr Grundsatz. „Richtig“, sagte Schneewittchen. „Es ist das Modell, das aus der fachlichen Prüfung entstanden ist. Nicht aus einem persönlichen Wunsch.“
Zum ersten Mal in der Geschichte Eigentumshausens waren sieben Beiräte gleichzeitig still. Der Protokollführer hielt diesen Augenblick vorsichtshalber schriftlich fest.
Ein Beschluss und sieben kleine Zugeständnisse
Herr Sofort räusperte sich. „Dann sollten wir zügig anfangen.“ Frau Vorsicht nickte. „Wenn die Unterlagen vollständig und die Leistungen klar beschrieben sind.“ Herr Sparsam rechnete auf seinem Taschenrechner nach und entdeckte, dass drei Jahre wiederholter Notreparaturen auch nicht kostenlos waren.
Herr Erfahrung betrachtete das achte Modell lange. „So ähnlich“, sagte er schließlich, „hätte mein Großvater es vermutlich auch gemacht.“ Niemand widersprach ihm. Frau Gestaltung fragte, ob wenigstens die Regenrinne farblich abgestimmt werden könne. Schneewittchen versprach, den Wunsch bei der Ausführung prüfen zu lassen, ohne dafür die gesamte Sanierung aufzuhalten.
Herr Grundsatz verlangte noch einmal den Beschlussentwurf. Er las ihn von oben nach unten und von unten nach oben. Schließlich erklärte er: „Ich habe vorläufig keine grundsätzlichen Einwände.“ Das war in Eigentumshausen ungefähr so viel wie ein Ritterschlag.
Herr Später blickte zum Fenster. Dort regnete es immer noch. „Na gut“, sagte er. „Dann machen wir es eben jetzt.“
In der folgenden Eigentümerversammlung wurde die Sanierung nach ordnungsgemäßer Beratung beschlossen. Nicht jeder war begeistert, aber jeder wusste, worüber entschieden wurde. Die Arbeiten wurden fachgerecht ausgeführt, die Rechnungen geprüft und die Dokumentation abgelegt. Sogar der Protokollführer fand für diesen Vorgang ein überraschend kurzes Wort: „Beschlossen.“
Und wenn sie nicht beschlossen haben …
Als das neue Dach fertig war, schien die Sonne über Eigentumshausen. Kein Tropfen fiel mehr durch die Decke. Schneewittchen gönnte sich zum ersten Mal seit Wochen einen Nachmittag ohne Telefon. Sie saß im Garten, trank Tee und dachte: Vielleicht war die Hausverwaltung doch ein Beruf mit glücklichem Ende.
Am nächsten Morgen warteten sieben Briefe auf ihrem Schreibtisch. Herr Sofort verlangte den sofortigen Austausch der Fußmatte. Herr Sparsam wollte sie zunächst wenden. Frau Vorsicht forderte ein Gutachten über die Rutschhemmung. Herr Erfahrung erinnerte sich an die gute alte Kokosmatte. Frau Gestaltung schlug Burgunderrot vor. Herr Grundsatz fragte, ob Fußmatten überhaupt beschlossen werden dürften. Herr Später wollte bis nach Weihnachten warten.
Schneewittchen sah die Briefe an, blickte aus dem Fenster und lächelte. „Nun gut“, sagte sie. „Wenigstens regnet es nicht mehr auf die Tagesordnung.“
In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Eine Stimme fragte: „Guten Morgen, hier ist die Wohnung im zweiten Obergeschoss. Können Sie mir sagen, wer die Kosten trägt, wenn die neue Fußmatte nicht zu meinen Schuhen passt?“
Und so lebten sie alle weiter, diskutierten, beantragten, prüften und vertagten – manche glücklich, manche grundsätzlich dagegen. Schneewittchen aber wusste inzwischen: Ein Märchen endet mit einer Hochzeit. Eine Eigentümerversammlung endet mit dem nächsten Tagesordnungspunkt.





